Wie funktioniert die Stromvermarktung?

Definition

Stromvermarktung bezeichnet den Vertrieb des Handelsgutes Strom auf vielfältigen Wegen. Im Regelfall bedeutet es, dass der ins Netz eingespeiste Strom über Stromlieferverträge oder an der Strombörse des jeweiligen Landes gehandelt wird – in Österreich ist dies die EXAA in Wien. Doch wer stellt sicher, dass der erzeugte Strom auch wirklich einen Abnehmer findet? Denn lagern lassen sich insbesondere größere Mengen Strom nur schlecht – und wer stellt sicher, dass auch immer zur richtigen Zeit genug Strom produziert wird um das Stromnetz stabil zu halten?

Strom verkaufen ist gar nicht so einfach…

Um Strom in einem versorgungssicheren Stromnetz profitabel zu verkaufen, müssen zahlreiche Mechanismen und Akteure zusammenarbeiten. Hierzu gehören in Österreich, neben den Stromproduzenten und Stromverbrauchern, die Strombörse EXAA, die europäische Strombörse EEX, Übertragungs- und Verteilnetzbetreiber sowie Bilanzgruppenverantwortliche. Letztere müssen den genauen Überblick über die Einspeisung und den Verbrauch ins Netz haben – eine komplexe Aufgabe, für die sich insbesondere bei der Vermarktung von Strom aus Erneuerbaren Energien der Einsatz eines Virtuellen Kraftwerks anbietet.

Die Bilanz im Blick: Strom verkaufen ist ein Echtzeitgeschäft

Strom ist, rein wirtschaftlich betrachtet, ein Handelsgut wie Weizen, Öl oder Erdäpfel – nur muss er, im Unterschied zu lagerfähigen Gütern, sofort verbraucht werden. Passiert dies nicht, kommt es zu Ungleichgewichten im Stromnetz: Zu wenig Strom lässt Stromausfälle entstehen, zu viel Strom kann Überlastungsschäden nach sich ziehen.

Jeder Stromproduzent muss daher sicherstellen, dass sein produzierter Strom jederzeit vom Netz aufgenommen werden kann – die Bilanz zwischen Erzeugung und Verbrauch muss ausgeglichen sein. Diese Aufgabe übernimmt das Bilanzgruppenmanagement, welches sich im Kern auf möglichst präzise Erzeugungs- und Verbrauchsprognosen für die eigene Bilanzgruppe aus einem oder mehreren Stromerzeugern, Stromverbrauchern, Speichern und anderen Einheiten stützt.

Große Kraftwerke übernehmen diese Aufgabe in der Regel selbst oder gehören einem Konzern an, der das Bilanzgruppenmanagement zentral steuert. Kleinere, dezentrale Anlagen müssen zwar auch Erzeugungs- und Verbrauchsprognosen liefern, sind hierzu aber meist rein personell nicht in der Lage: Wind-, Photovoltaik-, Wasserkraft- oder Biogasanlagen werden nicht selten im Nebenerwerb betrieben und zusätzlich müssen natürlich noch der Strom verkauft, die Anlage gewartet und behördliche Auflagen eingehalten werden.

Es ist daher insbesondere für kleinere und mittlere Stromerzeugungsanlagen mit deutlich unter einem Megawatt installierter Leistung sinnvoll, sich einem Virtuellen Kraftwerk als Direktvermarkter für den Vertrieb ihres Stroms anzuvertrauen. Dieser kann über die digitale Datenanbindung der Anlage an das Leitsystem nicht nur den Stromvertrieb, sondern auch das Bilanzgruppenmanagement sowie die behördlichen Angelegenheiten übernehmen.

Strom verkaufen für dezentrale Erzeugungsanlagen

Strom ist Strom – die Stromquellen sind in der modernen Energiewirtschaft aber durchaus vielfältig: Wasser- und Windkraftwerke, Photovoltaik- und Biogasanlagen speisen in unterschiedlicher Menge und Konstanz Strom ins Netz ein. Es ist daher sinnvoll, diese Quellen einem gemeinsamen, koordinierenden System zuzuführen um die bereits beschriebenen, zentralen Aufgaben eines Stromproduzenten wahrzunehmen. Dies kann beispielsweise in einem Virtuellen Kraftwerk geschehen.

Dieses sammelt aus hunderten oder tausenden dezentralen Stromerzeugungs- und Verbrauchseinheiten die Erzeugungs- und Verbrauchsdaten und steuert die vernetzten Anlagen in seinem Leitsystem so, dass eine ausgeglichene Bilanz zwischen Erzeugung und Verbrauch herrscht. Neben den Echtzeitdaten aus Produktion und Verbrauch fließen auch Prognosedaten, Wetterdaten, Preis- und Handelssignale von der Strombörse und der Stromnetzzustand in das System mit ein. Vereinfacht gesagt: Das Virtuelle Kraftwerk vereint alle angeschlossenen dezentralen Anlagen zu einer großen Einheit, die sich wie ein sehr flexibles Großkraftwerk am Strommarkt einsetzen lassen.

An der Strombörse Strom verkaufen

Anhand der Einspeisedaten jedes einzelnen Stromproduzenten registriert das Leitsystem des Virtuellen Kraftwerks, wie viel Strom der einzelne Stromproduzent in das Stromnetz eingespeist hat. Auch der Netzbetreiber der angeschlossenen Netzebene, in der Regel handelt es sich dabei um das Verteilnetz bei größeren oder das Niederspannungsnetz bei kleineren Anlagen, führt ebenfalls genau Buch über den eingespeisten Strom.

Die im Virtuellen Kraftwerk registrierten Strommengen werden von der Stromhandelsabteilung des Virtuellen Kraftwerks an der Strombörse verkauft. Hier spielen insbesondere die Wetterdaten und der Faktor Zeit eine große Rolle: Sind reichlich Wind und Sonne vorhanden? Dann ist der Strompreis niedrig und der Verkauf wirft nur wenig Profit ab. Ist der Stromverbrauch hoch, wie üblicherweise zur Mittagszeit oder am frühen Abend? Dann steigt der Strompreis stark an. Jede Viertelstunde entsteht so im Intradayhandel der Strombörse ein neuer Strompreis und die Abstände zwischen den einzelnen Preispunkten, auch Spreads genannt, können durchaus 60 bis 100 Euro pro Megawattstunde betragen. Es kommt also genau darauf an, wann der Händler wieviel Strom an der Börse verkauft.

Digital und viertelstundengenau Strom verkaufen

Ideal für diese hochflexible Stromproduktion sind regelbare Anlagen aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien wie Biogas- und Biomassekraftwerke, aber auch Wasserkraftwerke und Blockheizkraftwerke (BHKWs). Je nach Wunsch des Anlagenbetreibers und der technischen Möglichkeiten der Anlage kann das Leitsystem viertelstundengenaue Schaltimpulse übermitteln.

Durch die Anpassung der Produktion an den Börsenpreisverlauf verhalten die digital gesteuerten Stromproduzenten zusätzlich im Sinne der Netzdienlichkeit: Durch die flexible Fahrweise führen die Stromproduzenten dem Stromnetz genau dann Strom zu, wenn es ihn braucht und drosseln die Einspeisung, wenn ohnehin schon zu viel Strom im Netz vorhanden ist.

Ausblick: Dezentrale Stromerzeugung & flexibler Stromhandel

In Österreich ist der Anteil der Erneuerbaren Energien dank der vielen Wasserkraftwerke sehr hoch, 2018 betrug er 72 Prozent – ein EU-weiter Rekord. Umgekehrt gesehen bietet der Markt aber noch 28 Prozent Potential an fossilen Energieträgern, die durch eine klimaneutrale, dezentrale Stromerzeugung ersetzt werden können.

Es ist daher zu erwarten und auch in den Zielen der EU-Kommission klar formuliert, dass in der Energiewirtschaft weiterhin Flexibilisierung und Dezentralisierung die Agenda bestimmen. Die flexible Stromerzeugung, verbunden mit dem flexiblen Stromhandel über Virtuelle Kraftwerke wird hier eine entscheidende Rolle spielen können.

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