Eine neue industrielle Revolution

Auf den ersten Blick ahnt man nicht, wie industriehistorisch bedeutsam das Terrain ist, auf dem man sich im Erlauftal bewegt. Das Tal in Niederösterreich ist Teil der Eisenwurzen – die Geburtsstätte der österreichischen Kleineisenindustrie. In Neubruck errichtete in den 1820er Jahren der Industrielle Andreas Töpper; Pionier des österreichischen Eisenwesens und Erfinder des Walzblechverfahrens, die erste k.u.k priviligierte Eisen-, Stahl- und Walzblechfabrik. Noch heute zeugt das Töpperschloss von diesem Erbe und der Bedeutung für die Region. Sowohl für die Eisenfabrik als auch für die Papierfabrik, die später an gleicher Stelle errichtet wurde, spielte die Wasserkraft schon damals eine wichtige Rolle. Der alte Ausleitungskanal der Papierfabrik sowie ein Holzwehr waren bis vor wenigen Jahren noch Landmarken der regionalen Industriegeschichte.

Mitte der 2000er Jahre wurde das Wehr von der Ökowind GmbH aus St. Pölten übernommen - mit dem Ziel eine neue Wasserkraftanlage an der Erlauf zu errichten. Die Ökowind GmbH, die bis dato ausschließlich Windparks in Österreich betrieb, baute das Wehr in eine Wasserkraftanlage mit 1100 kW Leistung und einer durchschnittlichen Fallhöhe von 8,7 Metern um.


„Wir haben uns in der Planung der Anlage für einen Investitionszuschuss anstelle der Einspeiseförderung entschieden“, sagt Julian Weiß, Projektleiter bei der Ökowind GmbH. „Da war mit diesen Startbedingungen von Anfang an unseren Strom am freien Markt verkaufen mussten, war es uns wichtig, dass wir auf unterschiedliche Vermarktungsoptionen zurückgreifen können, um den bestmöglichen Preis für unsere Stromproduktion zu erzielen. Gerade auch in Anbetracht der sinkenden Strombörsenpreise ist dies insbesondere wichtig. Daher fiel unsere Wahl schnell auf Next Kraftwerke, da das Unternehmen der erste Anbieter für die Vernetzung von dezentralen Anlagen in Österreich war, mit dem Ziel sowohl Stromvermarktung an der Börse zu ermöglichen als auch Regelenergie bereitzustellen. Durch die Option an unterschiedlichen Märkten teilzunehmen, diversifizieren wir unser Vermarktungsrisiko.“

Die Wasserkraftanlage Neubruck vermarktet den Strom sowohl am Spotmarkt als auch am Regelenergiemarkt. Fast die gesamte Leistung lässt sich zur Stromnetzstabilisierung bei Frequenzschwankungen einsetzen. „Die Anlage lässt sich bei Bedarf auf bis zu 100 kW herunterfahren“, erläutert Weiß. Das Wasserkraftwerk ist in der Lage, sowohl Tertiär- als auch Sekundärreserveleistung anzubieten. „Die Regelenergieabrufe dauern von einigen Sekunden bis zu einem Zeitraum von mehreren Minuten – oft auch mehrmals am Tag. Die Erlöse aus diesen Abrufen sind für uns ein wichtiger Aspekt bei der Vermarktung über Next Kraftwerke. Das ist finanziell sehr lukrativ für uns, auch wenn es auf den ersten Blick nicht intuitiv scheint, Geld dafür zu bekommen, seine Anlage herunter zu fahren“, sagt Weiß. Doch auch auf diese Weise leistet die Wasserkraftanlage einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung des österreichischen Stromnetzes. So nimmt sie den Faden der industriellen Revolution in dieser Region wieder auf und spinnt ihn ins 21. Jahrhundert fort: Mit der digitalen Revolution der dezentralen Energiewende.